Was haben Open Source und Kochen gemeinsam?

Warum freie Software und die Kunst des Kochens mehr Ähnlichkeiten haben, als man zunächst denkt

Was ist die vermutlich dämlichste Idee, die Gedanken hinter freier Software abseits von Software zu etablieren? Ich hätte da einen Vorschlag: das Open-Source-Kochen, das wir seit sechs Jahren in München veranstalten! Der Gedanke dahinter ist eigentlich ziemlich simpel: “Warum sollen wir nicht mal mit ganz vielen Leuten gemeinsam kochen – so mit 30 Personen vielleicht?”

Den Namen hat das Kind am Anfang nur deshalb bekommen, weil die Idee im Rahmen der Open-Source-Treffen entstanden ist. Doch so nach und nach ist uns klar geworden, dass Kochen und freie Software eigentlich viel mehr gemeinsam haben, als es zunächst den Anschein hat…

Vorspeise
Vorspeise mit selbst gebackenem Brot

Aber von vorn: Die Open-Source-Treffen sind eine Veranstaltung, die Carsten und ich im Juli 2009 im Münchener Café Netzwerk aus der Taufe gehoben haben. Ziel ist Open-Source-Projekten und -Aktiven eine Plattform zu geben, sich zu präsentieren und gegenseitig kennen zu lernen, getreu dem Motto “Jeder vierte Freitag im Monat für freie Software”.

So weit klingt das Ganze ja auch noch vernünftig. Im Lauf der Zeit sind jedoch neben den zusätzlich eingeführten Workshops einige, nennen wir sie mal Neben-Veranstaltungen entstanden, wie Weißwurstfrühstück, Sauna und eben Kochen.

Hauptgericht
Handgemachtes Hauptgericht

So gern ich es auch hätte, anfangs gab es schlicht keine geniale Idee dahinter, sondern nur den Wunsch, einfach mal mit vielen Leuten gemeinsam zu kochen. Durch die Open-Source-Treffen sind schnell Freundschaften entstanden, und wenn der Schachclub ein gemeinsames Skiwochenende veranstalten kann, dann können wir uns doch auch mal “fernab vom Gerät” treffen. Gesagt, getan, die Idee des Open-Source-Kochens war geboren!

Das erste Mal noch etwas chaotisch, haben wir im Lauf der letzten sechs Jahre und zwölf Kochabende durchaus eine gewisse Routine entwickelt, mit den durchschnittlich 25-30 Personen gemeinsam leckeres Essen zuzubereiten. Lässt man die Abende Revue passieren, dann fallen sehr schnell Parallelen zu Open-Source-Projekten auf, sodass sich der Name im Nachhinein als völlig zutreffend herausgestellt hat. Denn:

Nachtisch
Liebevoll angerichteter Nachtisch
  1. Wir arbeiten aus Spaß an der Sache.
  2. Dabei verstehen wir uns als Gemeinschaft.
  3. Nur durch Neugier und Experimentierfreude kommen wir voran und lernen dabei immer neue Facetten kennen, sowohl an uns als auch an unserem Thema.
  4. Fehler passieren. Wir lernen daraus und werden immer besser – und niemand lacht über den anderen.
  5. Jeder bringt sich mit dem in die Gemeinschaft ein, das er am besten kann, denn jeder hat etwas, in dem er besser ist als der andere.
  6. Wir motivieren andere, Mut zu fassen und sich einzubringen.
  7. Koordination ist wichtig, aber chaotisch – und sie funktioniert trotzdem!
  8. Das Ergebnis ist für alle da und es schmeckt so viel besser als etwas Fertiges von der Stange.

Genau so funktionieren (nicht nur) Open-Source-Projekte am besten – durch Spaß, Gemeinschaftsgefühl, Neugier, Offenheit für Neues, dem positiven Umgang mit Fehlern, einem herzlichen und anständigen Miteinander, dem Motivieren von Interessierten und dem Teilen das Erreichten, abgerundet mit einem Quentchen Koordination und einer Prise Glück. Sind all diese Zutaten im Topf, darf man auch mal mutig sein, verrückt, kreativ, aus der Reihe tanzen. Fällt man auf die Nase, steht man einfach wieder auf und lernt aus den Fehlern.

Waffel
Man muss auch mal einen an der Waffel haben dürfen

Ganz ohne Koordination kommen natürlich auch wir nicht aus. So gibt es vor der Veranstaltung einen “Call for Recipes”, über den dann abgestimmt wird. Dabei wollen wir nicht einfach nur profan Fertigzeug aus der Packung machen, sondern was richtig Leckeres – bislang gabs unter anderem japanisches, mexikanisches, ungarisches und indisches Essen.

Ganz so wie im echten Leben ist auch beim Kochen Rücksichtnahme auf andere wichtig, und so versuchen wir immer, auch ein Menü für Veganer, Vegetarier und Allergiker zu kochen. Ein kleiner Betatest im Vorfeld mit guten Freunden zuhause darf nicht fehlen, damit bei der großen Show auch alles gelingt.

Kartoffeln
Ganz schön viele Kartoffeln!

Die Skalierbarkeit in größeren Projekten ist ein Thema für sich, so natürlich auch beim Open-Source-Kochen. Der Einkauf der “Build Requirements” im Großmarkt dauert gut und gerne seine drei Stunden, für die genaue Bestimmung der Mengen und Kosten ziehen wir eine Tabellenkalkulation zu Rate – natürlich LibreOffice Calc. ;-)

Für jeden Gang gibt es einen “Package Maintainer”, der als Multiplikator mit vielen Helfern dafür verantwortlich ist, das Menü zum richtigen Zeitpunkt auf den Tisch zu bringen und bei Problemen schnelle und durchaus auch mal unkonventionelle Lösungen zu finden – so ein Zuckerthermometer ist manchmal halt auch echt schwer aufzutreiben!

Nicht jeder kann gut kochen, aber mit den richtigen Anweisungen und einer guten Aufgabenverteilung lassen sich viele Dinge parallelisieren – da sind dann auch 18 kg Tomaten und 100 Eier irgendwann keine Herausforderung mehr. Die einzige Skalierungsgrenze ist der Herd mit seinen vier Platten, hier sollten wir demnächst also nochmal in das Infrastruktur-Budget investieren.

Das zeitbasierte Release klappt indes noch nicht so gut, der Hauptgang ist zu einer, nennen wir sie mal, variablen Zeit zwischen 21:30 und 01:30 auf dem Tisch, aber das tut der Sache ja keinen Abbruch. Wie in vielen Projekten üblich lässt auch bei uns die Dokumentation noch etwas zu wünschen übrig und auch die lästigen Pflichtaufgaben wie Aufräumen und Abspülen sind durchaus noch optimierungsfähig. ;-)

Brot
Darf’s ein Appetithäppchen sein?

Last but not least: Wir haben etwas, das uns antreibt und treten nicht auf der Stelle. Einige der verrückten Ideen für die Zukunft sind:

  1. Eine Open-Source-Kochen-Roadshow quer durch Europa veranstalten
  2. Den 700 €-Kürbis verarbeiten
  3. Vielleicht doch mal die Anfrage des TV-Senders beantworten
  4. Einen Großhändler finden, der für jeden von uns dort ausgegebenen Euro einen gewissen Betrag an eine karitative Einrichtung spendet

Denn auch das gehört zu den Idealen, die für mich hinter freier Software stehen: Daran denken, dass es Menschen gibt, die nicht das Glück haben, sich so frei zu entfalten und eine gute Zeit zu haben. Dass viele ganz andere Sorgen haben, als Bugs zu finden und Programmfehler zu beheben. Und dass es für jeden von uns Dinge auf der Welt gibt, die weitaus wichtiger sind als Technik und Hobby es je sein könnten.

In diesem Sinne: Ich freu mich auf unseren nächsten Kochabend, auf die Menschen dort, auf das gemeinsam Essen, auf eine gute Zeit – und wenn jetzt jemand Lust und Hunger bekommen hat, wir freuen uns ganz Open Source-mäßig auf Nach- und Mitmacher und kommen auch gerne mal zum Mentoring vor Ort!

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Florian Effenberger

Autor: Florian Effenberger

Florian engagiert sich seit über 14 Jahren für freie Software und ist einer der Gründer der The Document Foundation, der Stiftung hinter LibreOffice

2 Gedanken zu „Was haben Open Source und Kochen gemeinsam?“

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