Happy Birthday, LibreOffice!

Mein ganz persönlicher Rückblick auf die ersten sechs Jahre mit LibreOffice

Vor sechs Jahren, am Morgen des 28. September 2010, saß ich mit einem guten Freund zusammen. Die Nacht zuvor war extrem kurz, um online mit Kollegen aus aller Welt noch die letzten Änderungen an der Pressemitteilung einzuarbeiten, die von vielen Freiwilligen erstellte Webseite zu prüfen und den Server gemeinsam mit vielen Helfern auf den erwarteten Ansturm vorzubereiten. Wir starrten zusammen auf den Monitor, die Uhr fest im Blick, im Hintergrund lief noch Musik und um Punkt neun Uhr, gepaart mit ziemlich viel Herzklopfen, wurde eine neue Ära eingeläutet – die Ankündigung des LibreOffice-Projekts und der damals noch zu gründenden Document Foundation ging über den Äther.

Am Vortag hatten wir uns mit ausreichend Proviant eingedeckt und genug Telefone standen bereit, wussten wir doch am Morgen noch nicht, was die kommenden Stunden bringen würden.

Nicht nur offen, sondern frei

Die Wochen zuvor waren extrem spannend. Auf der knapp vier Wochen vorher zu Ende gegangenen Konferenz in Budapest konnte man eine regelrechte Aufbruchstimmung fühlen – “Foundation”, das war das Wort, das man immer wieder über die Flure schallen hörte, von Eingeweihten wie Unbeteiligten. Im Lauf der Zeit fanden immer mehr Aktive zusammen, grübelten über Namen für Programm und Foundation, tüftelten an Ideen und Konzepten und arbeiteten an der Infrastruktur, der Bestückung der weltweiten Mirrors und nicht zuletzt mussten auch Logo und Design gefunden werden und das alles, ohne allzu großes Aufsehen zu erregen. Am Abend zuvor waren schon die einzelne Vorzeichen sichtbar, die ersten Begrüßungsnachrichten auf den Mailinglisten machten die Runde – wenn ich mich recht entsinne, war der erste Satz auf der deutschen Liste ein Zitat von Georg Greve: “Am Anfang war alle Software frei.”

Auf ins Getümmel!

Da war er also nun, der große Tag, der den Beginn einer neuen Ära markieren und nicht zuletzt auch mein Leben maßgeblich verändern sollte.

Am Anfang waren noch viele Fragen offen – die Foundation existierte bislang nur auf dem Papier, ein nur vorübergehender Treuhänder in Form des damaligen Freies Office Deutschland e.V. war gefunden, aber Spenden gab es ebenso wenig wie ein Budget. Aber wir hatten schon damals etwas, das bis heute anhält – Zusammenhalt, ein gemeinsames Ziel, Aktive weltweit, Kollegen, die zu wahren Freunden wurden und “ihr Ding” mit Spaß, Mut und Überzeugung angehen.

Die ersten Rückmeldungen waren überwältigend – wenige Stunden nach der Ankündigung begannen die ersten Entwickler ihre Patches einzureichen, die IRC-Kanäle füllten sich, die Mailinglisten erwachten zum Leben und die Presse im In- und Ausland hat die Ankündigung mehr als positiv aufgenommen.

All die Bedenken, die noch am Vorabend in meinem Kopf umhergeisterten – Wird der Server Slashdot standhalten? Klappt die Verteilung auf die Mirrorserver? – waren mit einem Mal wie weggeblasen. Es fühlte sich einfach verdammt gut an, auch wenn wir die Augen kaum von htop lassen konnten, um die Serverauslastung zu verfolgen. Und ja, wir haben den Slashdot-Effekt überlebt!

Rückblickend wird mir immer stärker bewusst, wie viele helfende Hände Anteil am Erfolg von “Tag 0” hatten – Webdesigner, Systemadministratoren, Übersetzer, Marketing-Experten, Entwickler und Tester, Unternehmen und Organisationen, die uns von Anfang an unterstützt haben und nicht zuletzt zahlreiche Linux-Distributionen, die LibreOffice direkt in ihre Repositories aufgenommen haben.

Reichlich Zuspruch

Am Tag der Ankündigung fand in Paris eine Veranstaltung statt und die Kollegen vor Ort konnten direkt die Fahnen für LibreOffice hochhalten und die Idee der Stiftung in die Welt hinaustragen.

Zwei oder drei Wochen nach der Ankündigung fand in Nürnberg eine Konferenz statt und das Gefühl war einfach unbeschreiblich – der Zuspruch, die Aufbruchstimmung, der Enthusiasmus, der Interviewmarathon mit der Presse, noch heute erinnere ich mich wahnsinnig gern daran. Auch die erste CeBIT, ein halbes Jahr nach Projektstart, wird unvergessen bleiben, war sie doch auch die Gelegenheit, zahlreiche Mitstreiter zum ersten Mal seit dem “Launch” in persona wiederzutreffen. LibreOffice war bereits fest im Vortragsprogramm präsent und wurde, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, auch gleich mit einem Publikumspreis bedacht.

Wir gehen dann mal stiften…

Seit diesen frühen Tagen haben wir einen weiten Weg zurückgelegt. Die Gründung der Foundation – damals ganz bewusst noch als englischer Begriff, da die Rechtsform noch nicht feststand – sollte dabei deutlich länger dauern als zunächst gedacht: Nach Analyse verschiedener Optionen stand schlussendlich fest, dass es eine Stiftung nach deutschem Recht sein sollte, um die Sicherheit und Garantien für unsere Community zu erhalten, nach denen wir so lange gestrebt haben. Das “Ticket” für diese Rechtsform war der Kapitalstock, in unserem Fall in Höhe von 50.000 € – aber das Problem war, dieses Geld hatten wir schlichtweg nicht. Nach einer mit großartiger Unterstützung der Presse durchgeführten Kampagne erreichten wir binnen acht Tagen unser Spendenziel im Rahmen der “Fundraising Challenge”, wie wir sie genannt haben – lang vor Ende unserer selbst gesetzten Deadline.

Die zweite Herausforderung war das Abfassen der Stiftungssatzung, denn wir wollten die Sicherheit des deutschen Stiftungsmodells kombiniert mit starken Rechten für all diejenigen, die sich engagieren – das Prinzip der Meritokratie. Diese Idee stiftungskonform umzusetzen hat insgesamt beinahe ein ganzes Jahr gedauert. Viele Iterationen der Satzung zwischen Stiftungsaufsicht, Community und unserem unglaublich engagierten Anwalt später war es so weit – die Idee des “Mitglieder-Kuratoriums” war geboren und zahlreiche gute Rückmeldungen und Anmerkungen zur Satzung dankbar eingearbeitet. Ich erinnere mich noch daran, wie wir gemeinsam auf der FOSDEM 2012 das Stiftungsgeschäft in der Hotel-Lobby vor uns hatten – das dazugehörige Foto muss ich bei Gelegenheit nochmal raussuchen…

Heute zählt die Stiftung an die 200 Kuratoren aus allen Ländern, Kontinenten, Berufsgruppen, Religionen, Sprachen und Kulturen und spiegelt damit die Vielfalt der Community wider und die großzügigen Spenden aus aller Welt ermöglichen es uns, zahlreiche Projekte und Ideen umzusetzen, die anfangs noch undenkbar schienen.

Die Idee freier Software ist dem Stiftungsgedanken dabei übrigens ähnlicher, als man zunächst denkt.

Die erste Konferenz

Die erste offizielle Konferenz nach einem informellen Treffen auf der FOSDEM war die LibOCon 2011 in Paris. Durchaus noch etwas, nennen wir es mal “kreativ” organisiert – ich erinnere mich an zwei verschiedene Veranstaltungsorte, die Party in einem eher unbekannten Viertel der Stadt und den Tag, an dem ein Referent durch den Raumtrenner auf die Bühne des anderen fiel – war die Konferenz ein unglaublicher Erfolg und mehr als nur Ausdruck des “Community Spirit”, den wir alle die letzten zwölf Monate aufgesogen haben. Seitdem findet jedes Jahr im Frühherbst eine LibreOffice Conference statt: 2012 im Wirtschaftsministerium in Berlin, 2013 an der Universität Mailand, 2014 an der Universität Bern, 2015 in Aarhus, 2016 an der Universität Brno und 2017 wird die Konferenz in Rom ausgetragen.

Einen festen Platz im Programm nehmen auch die Hackfeste ein – Veranstaltungen, bei denen selbst ich als “Alien” (sprich: Nicht-Entwickler) mich wohl fühle und die uns unter anderem nach München, Freiburg, Hamburg, Gran Canaria oder Brüssel gebracht haben. Der Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten, das gemeinsame Hacken am Code und das Lernen neuer Fertigkeiten ist wichtiger Bestandteil der LibreOffice-Community und das “Pasta Hacking” mit den italienischen Kollegen ist mittlerweile schon leckere Tradition.

Es menschelt

Neben der Arbeit “am Gerät” ist die LibreOffice-Community auch privat zusammengewachsen. Viele Freunde weltweit, Menschen die man rund um den Globus kennt, Einblicke in Kulturen und Lebensweisen, die einem sonst verschlossen wären, auch das macht eine Open-Source-Community aus. Ich persönlich bin ja ohnehin der Meinung, dass man die Arbeit in einem Open-Source-Projekt mit dem gemeinsamen Zubereiten eines leckeren Essens vergleichen kann…

Ob Liebe nun durch den Magen geht, das vermag ich nicht zu sagen, aber im Lauf der Zeit fand nicht nur das ein oder andere LibreOffice-Pärchen zusammen. Es gab auch mindestens eine Projekthochzeit und das erste LibreBaby wurde auch schon auf den Konferenzen gesichtet – die Nachwuchsfrage ist also geklärt.

Auf eigenen Beinen stehen

Mit sechs Jahren haben viele Kinder schon ihren eigenen Kopf und einen ausgeprägten Charakter entwickelt, die Weichen für den weiteren Lebensweg werden so langsam gestellt. Als im Privatleben stolzer Onkel kann ich sagen, dass das eine wunderbare Zeit ist – die Pubertät, die mal mehr oder weniger spannend verläuft, liegt noch weit vor einem, aber schon jetzt zeichnen sich Stärken und Schwächen, Talente und Fähigkeiten ab, die den weiteren Lebensweg maßgeblich bestimmen werden.

Jeder Geburtstag ist etwas Besonderes, jedes neue Jahr wartet mit Aufgaben, Herausforderungen und Erfolgen auf – LibreOffice ist da keine Ausnahme. Und genauso wie der Zusammenhalt in einer guten Familie dafür sorgt, dass es gemeinsam voran geht, genauso sorgt auch der Zusammenhalt in der Community dafür, dass am Ende des Tages die richtigen Entscheidungen getroffen werden und das Kind wächst und gedeiht und Eltern und Freunde mit Freude erfüllt. Im Fall von LibreOffice sind das weit über 100 Millionen Freunde weltweit.

Sechs Jahre ist eine lange Zeit. Die Welt verändert sich, man selbst verändert sich, Freunde kommen und gehen. Umso schöner ist es zu sehen, dass das, was wir vor genau sechs Jahren am 28. September 2010, gemeinsam auf den Weg gebracht haben so erfolgreich ist, so vielen Menschen jeden Tag aufs Neue große Freude bereitet und für viele von uns auf die ein oder andere Art zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden ist.

Lust bekommen?

Wer jetzt Lust bekommen hat, sich in einem der für mich spannendsten Open-Source-Projekte einzubringen, viel Neues über sich und die Welt zu lernen und dabei die mitunter inspirierendsten und engagiertesten Menschen zu treffen, die ich bislang kennenlernen durfte, der sollte unbedingt bei uns mitmachen, auf eine der zahlreichen Veranstaltungen (beispielsweise in München) kommen oder sich bei einer der nächsten Telefonkonferenzen einwählen! In einem Open-Source-Projekt mitzumachen ist nicht nur gut für den Lebenslauf, sondern auch eine persönliche Bereicherung, die das Leben manchmal ganz schön auf den Kopf stellen kann…

In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag, LibreOffice – und bleib so quirlig, gesund und fröhlich wie du bist!

Happy Birthday, LibreOffice!
Happy Birthday, LibreOffice!

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Florian Effenberger

Autor: Florian Effenberger

Florian engagiert sich seit über 13 Jahren für freie Software und ist einer der Gründer der The Document Foundation, der Stiftung hinter LibreOffice

3 Gedanken zu „Happy Birthday, LibreOffice!“

  1. Bei Anwendungen bin ich sehr genügsam, liebäugele im Moment aber mit LibreOffice (Writer).
    Ich lese mich deshalb ein wenig durch Funktionen, Probleme, Versionen, etc..

    Doch d a s wusste ich alles noch nicht.
    Für mich war das sehr informativ. Dass LibreOffice so “jung” ist, war mir völlig fremd.
    Doch was sind heute sechs Jahre? – In einer Zeit, in der private PCs/Notebooks schon nach vier Jahren als völlig überholt gelten …

    Ich kann es nicht wirklich beurteilen, finde aber, dass in diesen sechs Jahren mit LibreOffice etwas Großes, Stabiles (und trotzdem Flexibles und Variables) und Gutes geschaffen wurde, dessen Weiterentwicklung nicht abbricht.

    Dafür möchte ich als absolut Nicht-Wissender allen Beteiligten danken.

    ♪ ♫ ♪ Happy Birthday, LibreOffice! ♪ ♫ ♪

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