Vom Du und vom Sie

Weshalb das Du als Anrede durchaus Ausdruck von Respekt sein kann und warum das im Deutschen alles so kompliziert ist

Die Ratgeber zu Umgangsformen sind mehr als voll davon: der vermeintlich richtigen Antwort auf die Frage nach dem Du und dem Sie. Wen spreche ich wie an, was gebieten Anstand und Höflichkeit – und wer bietet wem das Du eigentlich zuerst an?

Persönlich fühle ich mich mit dem Du wohler als mit dem Sie. Das liegt wohl an meinem Alter, meinem Beruf, meiner Lebenseinstellung und zu einem großen Stück auch an den Menschen, die ich um mich habe.

Lockerer Umgang im Netz

Geprägt hat mich unter anderem, dass ich schon eine gefühlte Ewigkeit online bin. Angefangen von Mailboxen mit dem guten alten Modem, über das FidoNet bis hin zum Internet mit all seinen sozialen Netzwerken und Messengern, seit über 20 Jahren bin ich dabei. Online sein ist eine ganz eigene Welt, früher noch viel mehr als heutzutage, in denen das Netz massentauglich geworden ist. Schon von Anfang an war online das Du die Anrede der Wahl, vor allem in zahlreichen Diskussionsforen – klar, man hat ja dieselben Hobbys und auch wenn man oft quer über die Republik verteilt ist, so viel anders als beispielsweise in Vereinen, in denen sich Enthusiasten zu ihrem Lieblingsthema austauschen ist’s ja auch nicht.

Ein Blick über den Tellerrand

Wie so vieles, so ist auch das Netz aus dem englischsprachigen Raum zu uns rübergeschwappt, mitsamt der dort verbreiteten Mentalität. Im Englischen gibt es keine solche Unterscheidung zwischen Sie und Du, wie sie der deutschen Sprache geläufig ist, “you” ist hier praktischerweise universell einsetzbar. Wer schonmal mit Firmen jenseits des großen Teichs gearbeitet hat, der weiß, dass dort die Anrede mit Vorname auch über Hierarchiegrenzen hinweg durchaus üblich ist.

Das führt dann schnell zu absurden Situationen. War man eben noch mit dem Vorgesetzten per Sie, wird in Telefonkonferenzen mit englischsprachigen Geschäftspartnern wie selbstverständlich auf den Vornamen umgeschwenkt – aber soll man jetzt nach Ende des Gesprächs wieder auf die bekannten Formalitäten zurückzufallen?

Lokalpatriotismus

Auch bei uns am Ort ist, zumindest innerhalb einer bestimmten Generation, das Du durchaus sehr verbreitet. Gerade im Bus, in der Kneipe oder auch beim Friseur wird gerne geduzt, was eine angenehme Atmosphäre und Vertrautheit schafft. Manchmal führt dieser lockere Umgang auch zu lustigen Alltagssituationen: Neulich beim Bezahlen im Supermarkt hat mich die noch junge Kassiererin direkt geduzt. Ich fand’s total charmant und sehr angenehm, ihr war die Verunsicherung kurz danach aber direkt anzusehen. Nach einem Lächeln und einem Du meinerseits hat sich die Situation dann schnell geklärt, wir mussten beide herzhaft lachen – und ich gehe heute umso lieber dort einkaufen.

Absurdität des Alltags

Ganz so einfach ist es aber leider nicht immer, denn im Alltag gerät die Unterscheidung zwischen Du und Sie manchmal zur Absurdität. Leute, die mich noch von klein auf kennen, duzen mich natürlich auch heute noch, ohne mir jemals selbst das Du angeboten zu haben, weshalb ich vorsichtshalber weiter sieze. Auch aus der Schule erinnere ich mich an Situationen, in denen Lehrer, die man schon in der fünften Klasse hatte, auch in der Kollegstufe geduzt haben, man selbst jedoch aus Anstand weiter beim Sie gelieben ist.

Vor einigen Jahren hat mich ein Journalist, den ich seit vielen Jahren kenne und duze, auf einer Veranstaltung um ein Interview gebeten. Kaum angefangen hat er schon unterbrochen, um für die Aufzeichnung beim Sie zu bleiben. Ich hab’ daraus gelernt und frage vor Interviews seitdem immer, denn manche Medien haben hier einen strikten Kodex. Persönlich sehe ich das entspannter – wenn sich Journalist und Interviewpartner schon kennen ist es doch eigentlich nur fair, wenn diese Vertrautheit auch dem Hörer bekannt wird, denn dann weiß er, woran er ist und hinterfragt ggf. kritischer.

Eine Frage der Mentalität

Trotz allem ist das Ganze im Open-Source-Bereich einfacher, denn es gibt so gut wie kein Projekt und keine Community, in der nicht von vornherein das Du als Anrede genutzt wird. Der Umgang ist locker, freundlich und aufgrund ähnlicher Ideale haben die Leute von Anfang an einiges gemeinsam. Die Zusammenarbeit funktioniert sowohl über Berufs- als auch Altersgrenzen hinweg.

Für jemanden, der wie ich auch beruflich in diesem Bereich unterwegs ist, stellen sich dann natürlich Abgrenzungsfragen: Wann ist das Du akzeptabel? Wann gebieten es Anstand und Höflichkeit, doch eher zum Sie zu greifen? Muss ich einen Unterschied zwischen Community-Mitgliedern und Unternehmern machen? Wie spreche ich Leute an, die ich in einem förmlichen Kontext kennengelernt habe und auf einem informellen Event wiedersehe, auf dem jeder per Du ist?

Vor einigen Jahren war ich zu einem Vortrag eingeladen, die Gastgeberin war eine Dame meines Alters. Der Kontext war aber eher förmlich und die übrigen Teilnehmer durchgehend älter als wir beide. Nachdem wir gut ins Gespräch gekommen waren, hab ich relativ schnell das Du vorgeschlagen. Sie musste fast schon befreit lächeln und freute sich über die Ungezwungenheit. Die dann folgenden Blicke der Umstehenden gingen runter wie Öl. Manchmal kommt’s eben auf das Bauchgefühl an. ;-)

Mangelnder Respekt? Ganz im Gegenteil!

Ein oft gehörtes Argument ist, das Du lasse den nötigen Respekt und die nötige Distanz vermissen. Mangelnde Distanz? Das stimmt sicherlich, aber ich versuche die Fälle, in denen ich künstliche Distanz brauche, auf ein Minimum zu reduzieren – Prüfungssituationen in Schule oder Universität sind ein solches Beispiel oder aber der Kontakt zu dem, was man gemeinhin als Respektsperson bezeichnet. Einen Professor sollte man vielleicht nicht einfach so duzen, genauso wenig wie beispielsweise einen Politiker oder Behördenleiter, selbst wenn diese in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Innerhalb eines gewissen Kontext – gemeinsamer Verein, Treffen auf einer lockeren Messe etc. – ist das Du einfacher als völlig ohne Bezug. Oder aber dann, wenn die Personen selbst durch die offenherzige Nutzung des Du dazu ermuntern.

Ein Zeichen von Respektlosigkeit ist das Du meiner Meinung nach aber ganz und gar nicht. Ich kann jemanden genauso respektvoll oder de­s­pek­tier­lich behandeln, ganz gleich, ob ich ihn per Du oder Sie anspreche. Respekt ergibt sich nicht primär aus Worten, sondern vor allem aus Taten und gegenseitiger Wertschätzung. Ich kann selbst jemandem Respekt zollen, dessen Sprache ich nicht spreche.

Starre Regeln helfen meiner Meinung nach hier nur bedingt weiter. Dass der Ältere immer dem Jüngeren das Du anbietet, oder dass Menschen ab einem gewissen Alter immer gesiezt werden müssen sind vielleicht hilfreiche Vereinfachungen, treffen den Kern der Sache aber nicht in allen Fällen. Zudem sind solche Regeln im Lauf der Zeit auch Veränderungen unterworfen: Ich erinnere mich beispielsweise an einen Text, in dem stand, dass das Duzen unter Kommilitonen heutzutage nicht mehr als Beleidigung gewertet wird…

Welche Anrede verwende ich für Respektspersonen in den sozialen Netzwerken, in denen eigentlich das Du vorherrscht? Darf ich den bloggenden Anwalt duzen, was ist mit dem twitternden Politiker? Wie sieht es aus, wenn mein Chef in sozialen Netzwerken unterwegs ist?

Viel entscheidender ist daher die Frage, ob sich das Gegenüber mit einem Du wohl fühlt oder ob es ihn gar in die Bredouille bringt – der Professor dürfte sich unwohl fühlen, wenn der Student ihn im Hörsaal duzt, nur weil beide im selben Forum diskutieren. Duze ich jemanden, von dem ich weiß, dass es ihm aus welchem Grund auch immer unangenehm ist, dann ist es ein Zeichen mangelnden Respekts. Umgekehrt kann ich jemandem, der lockere Umgangsformen schätzt, mit einem Du den nötigen Respekt zollen und vielleicht die Angst nehmen. Gerade in meiner Anfangszeit in der Open-Source-Community hat mir die offene Art sehr geholfen, Fuß zu fassen und mich ohne Berührungsängste wohlzufühlen, mich als ein Teil des großen Ganzen zu sehen, anstatt durch eine andere Anrede ausgegrenzt zu werden.

Gerade der Kontext spielt daher eine große Rolle. Leute, bei denen ich das Gefühl habe, ein Du ist ihnen unrecht, oder bei denen es aufgrund der Stellung nicht angemessen wäre, die sieze ich genauso selbstverständlich wie Kunden und Personen, mit denen erstmal kein gemeinsamer Kontext vorherrscht.

Denn bei all der Offenheit und Entspanntheit gilt auch bei mir: Mit einem Sie macht man im Zweifelsfall erstmal nichts falsch und kann sich danach umso mehr über ein herzliches Du freuen, ganz gleich, wann immer es kommen mag. Bleibt’s beim Sie, so kann man trotzdem offenen, herzlichen und respektvollen Umgang miteinander pflegen.

Darauf, dass andere Sprachen das gar nicht so thematisieren müssen, bin ich trotzdem etwas neidisch… :-)

Florian Effenberger

Autor: Florian Effenberger

Florian engagiert sich seit über 14 Jahren für freie Software und ist einer der Gründer der The Document Foundation, der Stiftung hinter LibreOffice

5 Gedanken zu „Vom Du und vom Sie“

  1. das du und das Sie gibt es komischerweise in anderen Sprachen nicht, aber das Ihr oder Frolein, das wir hier in Deutschland kaum noch Pflegen gibt es in Deutschalnd kaum noch.. ich denk mal an das Engliche dort gibt es nur ein du, so you, aber kein Sie,
    man kann durch die Ansprache durchaus einen Respekt herauslesen, wenn man unbedingt will, nur es ist auch eine Sache von Respekt wie man mit einem umgeht .
    Verbal und Nonverbal, dies kann man auch Extraverbal zeigen.. Als muss es nicht unbedingt an dem gesprochenem Word liegen, Sir. ;) Aber natürlich ist Dein Anliegen mir sehr viel wert .. und ich honoriere es mit den höchsten Tönen.
    Und wenn ich bei dem nächsten Treffen ein oder zwei Minuten früher erscheine, kann ich sehr wohl damit Ihre Hochachtung unterstützen und dem ich dieses wichtige Treffen mit Ihnen nicht, unter gar keinen Umständen versäumen möchte und deshalb lieber vorzeitig erscheine als sie nicht mehr antreffen würde.
    *knicks* ;)

    best regards
    Blacky

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