Was die Open Source Community für mich bedeutet

Ein sehr persönlicher Einblick, was die Open Source Community für mich bedeutet und warum es ein Gewinn ist, sich dort zu engagieren

Wenn ich im Freundeskreis von meinem Hobby (und mittlerweile Beruf) erzähle, dann sehe ich oft in ungläubige Augen und fragende Gesichter. Ein weltweites Projekt? Beitragende rund um den Globus? Eine Open Source Community? Kann man das essen?!

Ja, manchmal kann man das sogar essen. ;-) Aber Spaß beiseite – heute möchte ich einmal aus meiner ganz persönlichen Perspektive erzählen, was die Open Source Community für mich bedeutet und warum es nicht nur großen Spaß macht, sich dort zu engagieren, sondern auch noch ein Gewinn für den eigenen Lebensweg ist.

Es war einmal, vor langer langer Zeit…

Um 2003/2004 herum, mit Anfang zwanzig, da war ich einfacher Anwender. Breitbandzugänge und Flatrates wurden immer mehr auch jenseits der Early Adopter salonfähig und die Kommunikation rund um den Globus für jedermann erschwinglich. Neben Linux fand so immer mehr freie Software ihren Weg auf den Rechner. Zwar waren wir von Open-Source-Betriebssystemen für Smartphones und dem Internet of Things noch weit entfernt, doch E-Mail-Client, Browser und einige andere Programme konnte man sich schon als Open Source aus dem Internet herunterladen. Zugegeben, entscheidend war damals für mich vor allem der Preis, denn die Programme waren kostenlos. Dass es dahinter auch eine Community gibt war mir zwar bekannt, aber noch nicht wirklich bewusst. Dass der Quelltext frei verfügbar ist, das war für mich als Nicht-Entwickler damals kein wirklich schlagendes Argument – weder für mich noch für die Programme wäre es gut gewesen, hätte ich den Code editiert.

Vom Nutzer zum Mitglied der Open Source Community

Ganz besonders angetan hat es mir schon damals die Idee eines freien Office-Pakets, das früh den Weg auf meine Festplatte fand. Wie es der Zufall so will, schrieb ich mich eines Tages aus einer Laune heraus auf der deutschsprachigen Mailingliste ein – mehr aus Neugier, denn aus wirklichem Verständnis, was aber kein Hinderungsgrund war. ;-) Einige Monate gingen ins Land, es wurde Herbst und die Messezeit begann. Wiederum aus einer Laune heraus habe ich angeboten, auf einer Münchener Messe mitzuhelfen – damals noch ohne Ahnung von Messen und ohne Ahnung vom Programm, also mit denkbar schlechten Voraussetzungen. Anfangs war ich sehr skeptisch und unsicher und durch meine Vorsicht war das die vermutlich am besten dokumentierte Messe, die wir jemals hatten – und sie war sehr erfolgreich für uns. Ich habe damals einen Kollegen kennen gelernt, mit dem ich heute noch eng zusammenarbeite und der mich mit seiner Erfahrung an die Hand genommen hat, ohne mir jedoch jemals das Gefühl zu geben, ich sei als Jungspund überflüssig. Ganz im Gegenteil, von Anfang an habe ich mich als vollwertiges Mitglied der Community gefühlt, dessen Meinung etwas zählt und sehr schnell hatte ich Verantwortung für Themen, die ich zuvor noch nie professionell gemacht habe. Und was soll ich sagen? Es hat mir schon damals großen Spaß gemacht und sollte meinen Lebensweg entscheidend prägen.

Vertrauensvorschuss

Danach ging alles eigentlich sehr schnell – kaum hatte ich damit angefangen, hat mich die Faszination Open Source schon nicht mehr losgelassen und ganz anders als in großen Firmen mit ihren komplexen Strukturen, war die Mitarbeit von Anfang an mit einer Entspanntheit und Leichtigkeit verbunden, die einfach Spaß gemacht hat. Am meisten beeindruckt mich heute noch der Vertrauensvorschuss, den ich damals als Jungspund bekommen habe. Nach einigen Zwischenstationen, die ich Menschen zu verdanken habe, die schon früh an mich geglaubt haben, hatte ich die große Ehre, einen leider kürzlich verstorbenen großartigen Menschen, meinen Mentor und meinen guten Freund John kennenzulernen. Zusammen mit ihm durfte ich das internationale Marketing unseres Projekts verantworten. Noch heute fällt es mir schwer, diesen Vertrauensvorschuss zu glauben und ich betrachte ihn als ein Geschenk, das ganz und gar nicht alltäglich ist.

Schlussendlich durfte ich mich dann in mehr und mehr Bereiche einbringen – neben meiner Arbeit im Marketing war ich auch für die Bestückung unserer Mirrorserver verantwortlich, durfte zahlreiche Veranstaltungen mitorganisieren und hatte die große Ehre, zusammen mit vielen Freunden und Kollegen die vermutlich erste deutsche Stiftung ins Leben zu rufen, die speziell auf die Open Source Community zugeschnitten ist.

Freunde auf der ganzen Welt

Dadurch lernte ich im Laufe der Jahre zahlreiche wunderbare Menschen kennen. Nicht nur Kollegen oder flüchtige Kontakte, sondern wahre Freunde rund um den Globus, mit denen ich nicht nur das Interesse an unserer Community teile, sondern mit denen mich auch viele private Gespräche verbinden. Zwar sehe ich viele davon schon allein aufgrund der Entfernung nicht regelmäßig, aber das ändert nichts an der Vertrautheit und der Nähe, die wir zueinander haben. Mein schönstes Beispiel ist ein Freund aus Rio de Janeiro, den ich zwar seit Anfang 2000 kenne, weil ich ihm damals bei einem Problem auf seinem Linux-Server geholfen habe, den ich aber noch nie persönlich treffen durfte, bis zu einem Urlaub im Jahr 2013. Auch wenn wir uns zuvor noch nie persönlich gesehen haben und die Sprachbarrieren groß waren, so hatten wir einen wunderbaren Abend unter guten Freunden, fast 10.000 km von zuhause weg und stehen nach wie vor in regelmäßigem Kontakt.

Blick über den Tellerrand

Durch Freunde auf der ganzen Welt bekommt man auch einen unbezahlbaren Blick über den Tellerrand, der einen den eigenen Standpunkt überdenken lässt. John meinte einmal scherzhaft, als es nach einer Konferenz in Italien noch in den Vatikan ging, dass es faszinierend sei, wohin einen freie Software so alles bringt.

Neben den Reisen für Konferenzen in andere Länder, oft organisiert durch Kollegen vor Ort und somit fernab der üblichen Touristen-Fährten, erfahre ich auch durch den persönlichen Kontakt mit meinen Kollegen viel über die Mentalität, die Lebensphilosophie und die Realität des Alltags in anderen Ländern. Schon oft durfte ich Mitwirkende aus ärmeren Ländern kennenlernen, Menschen mit schweren persönlichen Schicksalen oder einfach Leute, die trotz großer Sprachbarrieren den weiten Weg auf eine englischsprachige Konferenz auf sich genommen haben und alleine dafür schon meinen allergrößten Respekt verdienen.

Auch die Lebensgeschichten und Werdegänge vieler Kollegen sind oftmals inspirierend, denn in Projekten engagieren sich Menschen aller Alterklassen, aus verschiedenen Berufen, mit verschiedenen Bildungswegen und nicht selten werden die vermeintlichen und letztlich nur im Kopf vorhandenen Grenzen aus Kultur, Sprache und Zeitzone überquert, in einem harmonischen Miteinander, das man sich gerade jetzt in schwierigen Zeiten als Modell für den Umgang aller miteinander wünscht.

Am meisten beeindruckt bisher hat mich dabei ein Kollege aus einem weiter entfernten Land, der immer nach kleinen Merchandising-Artikeln der Konferenzen vor Ort gefragt hat – bis sich eines Tages herausstellte, dass der Gegenwert dieser für uns oftmals Wegwerfartikel dort das Monatsgehalt eines einfachen Arbeiters übersteigt. Das bringt einen dann schon sehr zum Nachdenken – genauso wie die Meldungen über Gewalt und Krieg aus Ländern, in denen man Kollegen hat und sich Sorgen macht, ob es ihnen gut geht, denn auf einmal bekommt das anonyme Leid einen Namen und ein Gesicht, was uns nicht mehr so einfach wegsehen lässt.

Eine Lebensphilosophie

Führe ich mir das alles nochmals vor Augen, dann steht Open Source für mich nicht nur für ein Lizenzmodell oder eine Art, Software zu entwickeln. Es steht für so viel mehr: für eine offene Mentalität, für einen respektvollen Umgang miteinander, für Vertrauen gerade auch in Neulinge, für gegenseitigen Respekt, Anerkennung und Wertschätzung, für gemeinsame Ziele und Ideale – dadurch wird letzten Endes der Themenkreis für mich persönlich am Ende auch erweitert um Gedanken wie Datenschutz, Bürgerrechte, freies Wissen, offene Formate und vieles mehr. Etwas aus dem Fenster gelehnt könnte man sagen, es ist eine eigene Lebensphilosophie.

Natürlich hat jeder seine eigene Definition und wie in jedem sozialen Gefüge gibt es auch in Open-Source-Projekten immer wieder Diskussionen, Streit und Diskrepanzen, nicht immer ist alles eitel Sonnenschein – oft trifft man auf starke Charaktere und allzu oft verzerrt das Medium E-Mail die Wahrnehmung, kommt es doch ohne Gestik und Mimik des Gegenüber aus, was mitunter zu Missverständnissen führt. Das alles ändert aber nichts daran, dass die Grundhaltung aller Mitwirkenden eine sehr offene, motivierte und zugleich motivierende ist, was es zu einem wunderbaren Umfeld macht, um sich einzubringen und was neben der fachlichen Seite auch eine sehr große menschliche Seite zeigt.

Realität des Alltags

Nach vielen Jahren ist Open Source mittlerweile angekommen, nicht zuletzt durch die vielen Aktiven, die die Idee in die Welt tragen und sie letzten Endes auch leben. Waren wir vor zehn, zwölf Jahren auf den Messen noch der bunte Hund, so ist sowohl das Entwicklungs- als auch das Lizenzmodell nicht nur gesellschaftlich anerkannt, sondern gehört in vielen Firmen zum Business dazu und selbst große Unternehmen decken Open Source in ihrem Portfolio ab – wenngleich der Weg vom bloßen Buzzword hin zum wirklichen Verständnis dieses Modells oft gerade für die klassischen Firmen ein durchaus schwieriger ist. Umso mehr freut es mich, dass ich im Alltag regelmäßig mit vielen Firmen zusammenarbeiten darf, die das Modell verstanden haben, die sich einbringen und somit genauso Teil der Open Source Community geworden sind wie jeder privat Beitragende. Anfangs war dieser Spagat sicher nicht ganz einfach, heute meistern ihn die meisten Projekte und Firmen mit Bravour, was mich sehr freut – zeigt es doch, dass das Open-Source-Modell erwachsen geworden ist.

Etwas skeptisch sehe ich dabei nur die inflationäre Nutzung des Begriffs “Community”, denn jede Firma, die mehr als eine Handvoll Anwender auf einer Plattform versammelt, spricht dabei gleich von Community, selbst wenn es ein rein proprietäres Produkt ist und der Marketingcharakter dem Community-Anteil eindeutig überwiegt. Aber es ist gut und schön zu sehen, dass selbst konservative Unternehmen sich öffnen und einen direkten Draht zu ihren Anwendern suchen – und umgekehrt die Anwender durch die Einbeziehung der Öffentlichkeit auch etwas bewegen können, was vor wenigen Jahren noch undenkbar war.

Die Zukunft ist offen

Selbst nach bald anderthalb Jahrzehnten im Open-Source-Bereich bleibt jeder einzelne Tag spannend, ständig gibt es Neues zu entdecken und die Zahl der Erfolge wächst gleichsam wie die Zahl der neuen Herausforderungen.

Ich bin sehr gespannt, wo der Weg für die Branche hingeht – nicht nur in den Projekten oder im Programmcode, sondern vor allem auch politisch, in den Köpfen der Anwender und Entscheider. Wir alle profitieren zumindest mittelbar von den Errungenschaften der Projekte und der Menschen, die dahinter stehen und so wird auch mich die Open Source Community sicher weiterhin regelmäßig an Themen heranführen und mit Menschen bekannt machen, die mein Leben ungemein bereichern werden.

Ich freu mich drauf und bin stolz und glücklich, Teil dieser Bewegung zu sein, in der ich zusammen mit vielen Menschen Tag für Tag aufs Neue erleben darf, dass man mit gegenseitigem Respekt, Vertrauen und gemeinsamen Idealen etwas bewegen kann. Zwar gibt es gerade in diesen Tagen viele Herausforderungen – aber darauf, diese gemeinsam zu meistern, freue ich mich schon jetzt.

Florian Effenberger

Autor: Florian Effenberger

Florian engagiert sich seit über 14 Jahren für freie Software und ist einer der Gründer der The Document Foundation, der Stiftung hinter LibreOffice

10 Gedanken zu „Was die Open Source Community für mich bedeutet“

  1. Es gibt nur einen Nachteil: Es gibt keinen, von dem man eine Lösung bei Problemen erwarten kann (ich schreibe bewusst “erwarten”, nicht “bekommen” o. ä.).

    1. Das stimmt so nicht – auch bei kommerzieller Software ist die Unterstützung der Hersteller sehr unterschiedlich. Bei Open Source findest du hingegen oft sehr aktive Communities, die dir schnell helfen, zudem gibt es professionelle Dienstleister, auf deren Dienste du zurückgreifen kannst. Du bekommst unterm Strich also noch mehr als bei proprietären Lösungen, denn du hast hier die freie Wahl, wie du Support erhältst. ;-)

      1. Bei kommerziellen Anbietern erwarte ich, dass der vernünftigen Support mit dem Kaufpreis abgedeckt ist. Das dass in der Realität selten erfüllt wird, ist eine andere Geschichte. Bei OS kann ich von keinem Hilfe erwarten – wenn ich nicht gezielt bezahle wie ich auch gezielt jemand bezahlen kann, der mir bei MS Office hilft. Das schließt ja nicht aus, dass man trotzdem Hilfe bekommt, aber ich kann es eben nicht erwarten.

      2. Die Antwort hast du dir ja quasi schon selbst gegeben. ;-) Du verbindest mit kommerzieller Software eine Support-Erwartung, die aber selten erfüllt wird. Schau dir mal die Vielzahl der Hilfsangebote von Open-Source-Projekten an, wie gut die User-hilft-User-Hilfe funktioniert – das ist keine unerfüllte Erwartung, sondern Realität, die auch wirklich funktioniert. :-)

  2. Ich habe doch gar keine Frage gestellt. ;-)

    Naja, für viele Probleme bekommt man auch bei OS keine Antwort. Ich stelle keine Fragen mit dem Betreff “Hilfe!!!!!” etc. und nutze erst einmal Google, es sei denn mir fehlt der Begriff und brauche da erst einmal Hilfe. Trotzdem bleibt es auch da Glückssache, ob man Hilfe bekommt in Support-Foren. Bei Ubuntuusers ist es im großen und ganzen ok, das dt. debian Forum ist schon mehr Nerds unter sich und bei WordPress gibt es kein brauchbares Forum. Das mag in irgendwelchen Mailinglisten anders sein, aber da schreckt mich die Flut an E-Mails ab.

      1. Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte: Bei OS gibt es keinen, den ich doof finden kann, wenn ich keine Hilfe bekomme, bei kommerzieller Software schon.

        Was ich z. B. aktuell nicht herausgefunden habe: Wie setzte ich CUPS zurück auf den Status nach der Installation bzw. was muss ich alles deinstallieren und löschen, um es ganz frisch installieren zu können …

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